24.02.2014

Deutscher Jagdverband widerlegt Behauptungen der ZDF-Doku „Jäger in der Falle“

„Teure Heuchelei und bürokratischer Unsinn“: Eric Schweizer, Präsident des Genfer Jägerverbands „La St Hubert“, im Interview mit dem Dachverband der Jäger zum angeblich jagdfreien Kanton Genf

 

 

Im Schweizer Kanton Genf herrscht seit 1974 Jagdruhe. Freilebendes Wild wird dort von sogenannten „Wildtiermanagern“ kontrolliert. Ein Argument für Jagdgegner, Wildtiere könnten auch ohne Jagd und dem mit ihr erbrachten Artenschutz leben. Laut der ZDF-Doku „Jäger in der Falle“ spare das Genfer Konzept sogar Steuergelder: Den Wert einer Tasse Kaffee müssten Bürger pro Jahr für dieses „sanfte Wildtiermanagement“ aufbringen. Irrglaube oder Realität? Der Deutsche Jagdverband (DJV) wollte es genauer wissen. Er hat Eric Schweizer, Präsident des Genfer Jägerverbands „La St Hubert“, interviewt. Der Präsident der Schweizer Jäger legt unter anderem dar, welche Auswirkungen das Verbot der privaten Jagd auf den Artenschutz hatte.

Acht weitere Behauptungen stellte der Redakteur der ZDF-Doku „Jäger in der Falle“ auf. Mit einem ausführlichen Faktencheck unter www.jagd-fakten.de stellt sich der Dachverband der Jäger diesen. Dort kann auch die Petition „Schluß mit tendenziöser Berichterstattung beim ZDF!“ unterzeichnet werden. Ihre Stimme für die Jagd in Deutschland gaben nach drei Wochen schon über 46.000 Menschen.

Eric Schweizer: Das kann so nicht unwidersprochen stehen bleiben! Nach Einstellung der privaten Jagd im Jahr 1974 gab es bei Hase, Fasan und Rebhuhn zwar tatsächlich einen leichten Aufwärtstrend. Aber dann waren sie nahezu gänzlich verschwunden. Beispiel Rebhuhn: Anfang der 1980er Jahre gab es im Kanton Genf etwa 400 Rebhühner, 25 Jahre später nur noch einzelne Individuen. Zwischen 2009 und 2013 wurden dann insgesamt 3.300 Rebhühner ausgesetzt und die Lebensräume aufwändig verbessert. Das ernüchternde Ergebnis: weniger als 100 Rebhühner leben derzeit im Kanton Genf. Das kostspielige Aussetz-Programm wurde zwischenzeitlich eingestellt. Artenschutz konnte so nicht gewährt werden.

Füchse, die Fressfeinde des Rebhuhns und vieler anderer Bodenbrüter, haben sich übrigens seit den 1980er Jahren prächtig vermehrt, nachdem die Tollwut besiegt und die Jagd aus ideologischen Gründen eingestellt war. Folgerichtig kam es in den 1990er Jahren im Südosten des Kantons zu einer Räude-Epidemie, die Fuchsbestände gingen gegen Null. Die Hasenbestände erholten sich daraufhin so gut, dass die Schäden auf den Feldern überhand nahmen. Der Kanton Genf verordnete staatliche Zwangsumsiedlung: Mehr als 200 Langohren wurden in 2007 und 2008 eingefangen und in das Kanton Wallis sowie nach Frankreich „ausgewiesen“. Nur so konnte der Naturschutz gewährt werden. Die Schäden in der Landwirtschaft blieben und so erhielten die staatlichen Wildhüter letztendlich wieder eine dauerhafte Abschussgenehmigung. Seitdem – aber auch in der 1980er und 1990er Jahren – wurden mit Hilfe von Steuergeldern Tausende Hasen erlegt. Mehr als 1.600 Kaninchen wurden von den Wildhütern in den 1980er und 1990er Jahren abgeschossen. Mit ein Grund, dass das Kaninchen im Kanton Genf zwischenzeitlich ausgerottet ist.

Eric Schweizer: Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Genausowenig wie der Klapperstorch die Kinder bringt, hat ein Verbot der Privatjagd zum Ansteigen der Bestände von Hirsch, Reh und Wildschwein geführt. Zwischen dem Verbot der Privatjagd und Artenschutz besteht keine Kausalität. Weil es diese Arten bis 1974 und auch nach dem Verbot der Privatjagd im Kanton Genf schlicht sehr selten gab. Hirsche gab es gar keine und Wildschweine wurden vor 1974 maximal zehn pro Jahr geschossen. 2012 haben die staatlichen Wildhüter 469 erlegt ! Der Anstieg der Paarhufer-Bestände ist ein Trend, den wir in ganz Europa beobachten, unabhängig vom jeweiligen Jagdsystem.

Auch die Zunahme der Wasservögel hat nichts mit dem Verbot der Privatjagd zu tun: Im Wesentlichem begünstigt die  Ausbreitung  der Zebra-Muschel – Hauptnahrungsquelle vieler Wasservögel –diesen Trend. Die Jagd auf Wasservögel war schon vor 1974 auf der Rhone stark eingeschränkt und auf dem Genfer Teil des Genfer Sees komplett verboten.

Eric Schweizer: Ganz sicher nicht und es ist Heuchelei zu behaupten, dass das Wildschwein die einzige Tierart ist, die in Genf reguliert wird! Staatlich bezahlte Wildhüter aber auch "genehmigte Private" haben von 1974 bis heute mehr als 31.000 diverse Vögel – Wildtauben, Enten, Stare, Rabenvögel und sogar Reiher –  sowie tausende Säugetiere – Kaninchen, Hasen, Wildschweine, räudige Füchse, und in den letzten Jahren auch Rehe – abgeschossen.

Im Jahr 2012 haben Landwirte eine Petition eingereicht, die nichts weniger als die offizielle Rückkehr der Hirschjagd verlangt. Hierzu muss erwähnt werden, dass Landwirte schon 2002 dem Genfer Kantonalrat  eine Petition für die Wiedereinführung der Jagd eingereicht hatten, da sie mit der staatlichen Handhabung von "Wildschäden" äußerst unzufrieden waren. Hier ging es um Naturschutz.

Vergleicht man die Zahl der erlegten Tiere aus dem urbanen Genf mit dem angrenzenden, zehn mal größeren ländlichen Kanton Vaud, wird deutlich: In Genf werden sogar mehr Stare, Krähenvögel, Wildtauben und Wildschweine geschossen. Das ist intensivste Jagd, die nur nicht so heißt und eben durch Steuergelder finanziert wird.

Eric Schweizer: Zusammengefasst kann man sagen: Die Jagd – also das Erlegen von Wildtieren – wurde in Genf nie abgeschafft. Auch wenn Jagdgegner das gern glauben machen wollen. Angesichts der massiven Zunahme der Bestände und der Wildschäden sollen sehr bald auch Rehe und Hirsche den Büchsen der Wildhüter zum Opfer fallen. Wie kann man ernsthaft behaupten, dass in solch einem kleinem und dicht-besiedeltem Kanton wie Genf,  wo jährlich tausende Vögel, Wildschweine, Hasen, Kaninchen und jetzt auch noch Rehe und Hirsche abgeschossen  werden, die Jagd abgeschafft worden ist? Es handelt sich um eine äußerst teure Heuchelei und um einen bürokratischen Unsinn! Auf andere, weniger dicht besiedelten und grösseren Flächen übertragen, wäre dieses System eine regelrechte Katastrophe und man bräuchte eine Armee an Wildhütern um Schäden an Land und Frostwirtschaft aber auch um Seuchen und Verkehrsunfälle im Griff halten zu können.

(Anmerkung der Redaktion: >500 erlegte Wildschweine bedeuten, auf die Fläche von Genf übertragen 1,8 Stück pro 100 Hektar. Dies entspricht Werten, die in Teilen Brandenburgs, einem wildschweinreichen Bundesland mit hohen Jagdstrecken, zu erzielen wären. Genf ist ein urbaner Kanton mit 1.600 Einwohnern pro Quadratkilometer, in Deutschland leben 226 Menschen pro Quadratkilometer.)

Eric Schweizer: Bereits 2003 verlangten einige Politiker, als Sparmaßnahme die Einführung privater und freiwilliger "Hilfs-Wildhüter", um die "professionellen" Wildhüter zu entlasten. Aber die Jagdgegner stimmten dagegen. Da das "Genfer-System" viel kostet und anscheinend viele Kreise mit der jetzigen Lage nicht zufrieden sind, wollte ein Abgeordneter im Haushalt von 2009 die knapp 330.000 Euro für die nächtlichen Abschüsse von Wildschweinen streichen und diese Abschüsse "privaten Regulier-Agenten" überlassen. Diese müssten dann sogar dem Staat über 400 Euro pro Genehmigung zahlen, so wie das existierende Gesetz es auch zulässt. Aber wieder stimmten die Abgeordneten – hauptsächlich Nicht-Betroffene aus dem Stadtzentrum – dagegen.

Nur um einen Aspekt des Genfer Wildmanagement-Systems zu erwähnen: Ein Genfer Wildhüter kostet den Steuerzahler etwa 98.200 Euro jährlich, das macht bei 12 Stellen rund 1,2 Millionen Euro. Das ist ganz schön teuer, um 500 Wildschweine zu erlegen selbst wenn die Wildhüter nur einen Teil ihres Arbeitstages dem Abschuss widmen. Bezogen auf Deutschland wären das demnach 3,6 Milliarden Euro für die staatliche Wildschadens- und Seuchenprävention bzw. den Artenschutz. Denn in Deutschland werden jährlich etwa 1,8 Millionen Wildschweine, Rehe und Hirsche erlegt. Und dem Kanton Genf gehen beträchtliche Einnahmen verloren : Bis 1974 zahlten rund 400 Jäger insgesamt 262.000 Euro für Jagdpatente an den Kanton Genf.

Weiterführende Quellen

Fragestunde im Schweizer Parlament - Jagdstatistik des Kanton Genf

www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx

Genfer Jägerverband "La St Hubert"

www.chassegeneve.ch

Jagdbericht des Kantons Genf für die Saison 2012/13 (Liste der bejagten Arten)

www.ge.ch/codof/doc/commission-constitutionelle-faune-2013.pdf

Jagdbericht des Kanton Genf für die Saison 2011/12 (Wildschäden durch Schwarzwild)

www.ge.ch/codof/doc/commission-constitutionelle-faune-2012.pdf