30.1.2016

Greifvogel gefunden? - Was tun?

Die Temperaturen und der erste Schnee sind gefallen. Am Straßenrand sitzt ein Greifvogel, der nicht wegfliegt. ‚Was tun?‘, fragt sich der aufmerksame Spaziergänger. Die Expertin Sylvia Urbaniak gibt Hinweise im DJV-Interview.

 

Wer sich bei diesen eisigen Temperaturen auf einen Winterspaziergang begibt, hat häufig die Möglichkeit Wildtiere zu beobachten. Denn diese lassen, um Energie zu sparen, Menschen näher an sich heran als sonst. Flüchtet aber etwa ein Greifvogel nicht, so kann er verletzt oder geschwächt sein. Was in einer solchen Situation zu tun ist, erklärt die Tierarzthelferin und Greifvogel-Expertin Sylvia Urbaniak von der Greifvogelhilfe Rheinland NRW (www.greifvogelhilfe.de) im DJV-Interview.

Urbaniak: Das Wichtigste ist, sich den Fundort genau einzuprägen. Ein verletzt oder geschwächt aufgefundenen Altvogel kann so nach der Genesung wieder im angestammten Revier freigelassen werden. Da kennt er sich aus. Ist es ein Jungvogel, der etwa bei einem Sommergewitter aus dem Nest gefallen ist, gelingt es uns, das Jungtier mit seinen „Familienangehörigen“ zu vereinen.

Greifvögel sind Augentiere. Solange sie etwas sehen, versuchen sie zu fliehen oder sich zu verteidigen. Nimmt man Ihnen den Gesichtssinn, indem man ihnen eine Jacke oder Decke überwirft, kehrt Ruhe ein. Man kann den Vogel dann gefahrlos fest halten, indem man über den Rücken zugreift und mit beiden Händen die Flügel am Körper fixiert. Bleiben die Augen verdeckt - selbstverständlich so, dass der Vogel noch Luft bekommt - wird er sich ruhig verhalten und man kann ihn auch transportieren. Für den Weitertransport von Zuhause zum Tierarzt oder der Auffangstation empfiehlt sich ein dunkler Umzugskarton mit ein paar wenigen Luftlöchern- gerade so viel, dass genug Luft hineinkommt aber kein Licht einfällt. Nie sollten Käfige genutzt werden, aus denen der Vogel herausschauen kann: Er könnte sich durch Fluchtversuche zusätzlich verletzen oder wäre durch geknickte und gebrochene Federn nicht mehr wildbahntauglich. Dunkelheit bedeutet Ruhe. Das kann überlebenswichtig sein.

Auf keinen Fall. Wir erleben sehr häufig, dass im Zuge falsch verstandener Tierliebe Greifvögel, deren ursprüngliche Überlebenschance gar nicht so schlecht gewesen wäre, buchstäblich zu Tode gefüttert werden. Katzenfutter oder Speisereste sind kein artgerechtes Futter für einen Greifvogel. Die Entscheidung darüber, was und wie viel gefüttert wird, muss unbedingt ein Spezialist fällen, etwa der behandelnde Tierarzt. Ein mit Konservenfisch vollgestopfter Turmfalke ist ein fast hundertprozentiger Todeskandidat.

Sie sollten unbedingt Kontakt zu einem Tierarzt mit dem Schwerpunkt Vogelmedizin aufnehmen. Eine sehr gute Übersicht über spezialisierte Tierärzte bietet die Seite www.vogeldoktor.de Nach einer medizinischen Erstversorgung entscheidet dann der Tierarzt, wie weiter mit dem Patienten umgegangen wird und ob dieser sofort wildbahntauglich ist oder weiter durch eine Auffangstation betreut werden muss.

Die Betreuung umfasst ein breites Leistungsspektrum und ist von Art zu Art unterschiedlich, da die bei uns vorkommenden Spezies unterschiedliche Ansprüche stellen. Möglich sind: Behandlung gegen Parasiten oder von kleineren Verletzungen bei Kurzzeitpatienten, Aufzucht von Jungvögeln, Langzeitpflege nach operativen Eingriffen bis hin zur Auswilderung nach speziellem Training. Hier sind wir mit Falknern gut vernetzt, die aufgrund ihrer Erfahrung in der Lage sind, solche Patienten für ein Überleben in der Natur fit zu machen.

Man kann sich das so vorstellen: Niemand käme auf die Idee, einen Fußballprofi nach zwei Monaten Gipsfuß, sofort für 90 Minuten wieder auf den Platz zu stellen. Er hat zwar die Erfahrung und Technik, aber aufgrund der langen Ruhephase fehlt im die Fitness. Aktive Jäger wie ein Habicht, der verletzungsbedingt mehrere Wochen fixiert werden musste, um seine Verletzung auszuheilen, werden ohne entsprechende Muskulatur, ohne Kondition nicht fähig sein, erfolgreich Beute zu machen. Sie würden in freier Wildbahn ohne Training jämmerlich zu Grunde gehen. In einer kleinen Voliere können diese Spezialisten ihre Wildbahnfähigkeit nicht wieder erlangen. Sie müssen deshalb von Falknern trainiert werden.

Den Mammutanteil der laufenden Kosten von etwa 8.000 Euro im Jahr erbringen wir aus eigener, persönlicher Leistung. Unterstützung erfahren wir von Seiten der Behörden, den Findern, behandelnden Tierärzten, von Naturschutzverbänden, unserer örtlichen Jägerschaft und Falknern aus dem Deutschen Falkenorden.